Beim Gesprächskreis im August 2024 haben wir uns Gedanken gemacht, warum bei der Suche nach Erklärungsmodellen gerade Leute mit sadomasochistischer Neigung selber immer wieder nach eher verletzenden oder defizitären Erfahrungen in ihrer eigenen Biographie suchen - und ob es auch weniger pathologisierende Erklärungsmodelle dafür gibt.
Solche würden die Ursache in den verschiedenen Möglichkeiten von Ausdrucksweise menschlicher Gefühle und Bedürfnisse suchen - und nur darlegen, wie unterschiedlich und einmalig Menschen sein können, ohne der Abweichung von der Mehrheit gleich die Eigenschaft der Krankheit aufzudrücken. Wenn sich etwas von Natur aus entwickelt, nennen wir es "natürlich" - und das kann etwas ganz anderes sein, als "normal".
Diese Herangehensweise findet sich auch als fachliche Praxis und ethische Leitlinie in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen, die eben nicht als krank oder unnormal betrachtet, sondern in ihrer Besonderheit akzeptiert werden müssen, um ihre Lebenssituation wirklich in ihrem Sinne zu verbessern. Und dennoch spielt "Normalisierung" hier eine große Rolle, wobei Normalität dann bedeutet, dass das Verhalten einer Person auf deren subjektiven Sinn für die Person betrachtet wird, selbst wenn es sich subjektiv anders zeigt, als beim Durchschnitt der Menschen. Wäre diese Denkweise nicht auch was für Leute mit sadomasochistischen Neigungen und deren Selbstdefinition?
Wir freuen uns, dass der bereits mehrfach im Gesprächskreis zu Gast gewesene Psychologe Michael Kief, der in diesem Arbeitsfeld mit Menschen mit Behinderung in einer der größten Einrichtungen im Rems-Murr-Kreis für dieses Klientel arbeitet, mit uns über die Frage ins Gespräch kommen will, ob Regression denn in der Regel als pathologisch zu betrachten ist.
Damit wir abschätzen können, wie viel wir sind, bitten wir um Anmeldung über info@sundmehr.de .
Wer vor allem etwas essen will, sollte nach Möglichkeit eine Stunde früher erscheinen, damit gehäufte Bestellungen den Gesprächsverlauf nicht zu sehr beeinträchtigen.
Am 28.2.2025 trafen sich 9 Interessierte um über die Frage ins Gespräch zu kommen, welche Zugänge es gibt um sich die eigene Neigung zu erklären. Dabei lag der Schwerpunkt auf der Frage ob es im psychologischen Sinne eine Regression sein könnte und wie diese im Zusammenhang mit sog. Normalität steht. Sprachführend mit dem Psychologen Michael Kief, der den Abend lebendig und tiefgründig mit seinem Fachwissen und seiner Erfahrung bereicherte, konnten sich die Anwesenden mit verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven auseinandersetzen.
Das psychosexuelle Entwicklungsmodell von Freud steht, wie andere Modelle auch, oft für ein Stufenartiges hoch - weiter - mehr. Ein Treppenmodell, welches das menschliche Leben in seiner Ganzheit weit weniger abbildet als es in Wirklichkeit ist. Das Leben ist ein Auf und Ab, ein sich bewegen auf unterschiedlichen Ebenen von geistiger und sinnlicher Erfahrung. Was ist normal? Wichtig wäre es doch alles weniger in eine Form der Normalität pressen zu wollen sowie achtsamer und positiver zu sein mit den eigenen persönlichen Bedürfnissen.
Die Phasen der Lust, die Freud benannte, gehen dem Mensch nicht verloren. Sie bleiben uns erhalten, verändern sich mit uns im Zyklus unseres Lebens, in Kontakt mit einem selbst und der Umwelt. Die sexuelle Lust, Erregung und Freude verbinden sich im Zuge ihrer Entwicklung mit etwas, das dem Individuum innewohnt bzw. das er/sie/es zu diesem Zeitpunkt als besonders schön empfunden haben könnte. Das ist erstmal vollkommen natürlich und mitnichten negativ zu sehen, sofern es Grenzen des Gegenübers beachtet.
Sexualität entwickelt sich aus einem selbst und wird dann von gesellschaftlichen Normen geprägt und gefärbt, teilweise auch negativ belastet und bewertet. Es entsteht ein ideales Muster - vermittelt durch Medien, Kultur, Gesellschaft..
Es gibt aber auch den Blick, dass ohne Regression ein Vorwärtskommen schwierig wird. Also "ein Rückschritt für den nächsten Schritt", ein Innehalten, Zurückkehren um eine andere Perspektive einnehmen zu können.
Was gehört zu mir? Was gefällt mir und was will die herrschende Norm? Eigentlich hat Sexualität an sich im Kern schon viele Aspekte von sich gehen lassen, Kontrolle abgeben, folgen, von Aspekten der Macht und Ohnmacht. Im BDSM steckt keine negative Regression es ist vielmehr ein spielerisches Ausprobieren und verfolgt eher zutiefst hedonistische Gedanken, meinte einer der Anwesenden. Wenn allerdings beim Entdecken von Sexualität, von eigenen Neigungen die Einbindung in eine Peer Group fehlt kann es für den Betroffenen schwierig und belastend werden. Der Mensch hat eine Tendenz zur Konformität, ist angewiesen auf die soziale Gruppe und will das ausgeschlossen werden vermeiden. Daraus kann übermäßige Anpassung entstehen und die eigene negative Bewertung persönlicher Lust nimmt Gestalt an. Dabei spielen auch moralische Vorgaben eine Rolle, Denkmuster die sich an typisch Frau und typisch Mann orientieren und eine Norm vorgeben, die eigentlich keine sein sollte. Einvernehmliches lustvolles Entdecken, sinnliches Erleben und experimentelles Entdecken von Lust sind wichtig.
Deutlich akzeptierter im gesellschaftlichen Kontext sind andere Formen von "Regression", wenn wir an Feiernde beim Karneval denken oder das große Jubeln, Schreien und Singen von Fußballfans.
Sexualität braucht ein Aushalten von Wiedersprüchen, es braucht die Fähigkeit Kompromisse zu finden und dies wiederrum ist ein positives Element von menschlichem Miteinander. Eingerahmt von der Einvernehmlichkeit, Aushandeln auf Augenhöhe und die Bereitschaft Dinge auszuprobieren sind eine gute Grundlage für eine lustvoll positive Grundhaltung.
Datum: | 28.02.2025 |
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Uhrzeit | 20:00 Uhr |
Ort: | ![]() |
Anfahrt: |
Anfahrt über B 14/B29: Anfahrt mit öffentlichen Verkehrmittel siehe Homepage der VVS |
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